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welt2raum - das camp
/der rückblick/ |
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Eine andere Welt nebenan
(Artikel im Schwäbischen Tagblatt vom 4.August 2004, download als pdf hier)
Auf dem Tübinger Festplatz wird alternatives Zusammenleben ausprobiert
TÜBINGEN (tio).
Man könnte es "Zeltlager" nennen, was gerade auf dem
Tübinger Festplatz entsteht. "Camp" umfasst aber auch eine politische
Dimension, und die ist den jungen Machern von "Welt2raum" wichtig: Eine
Woche lang sollen Antikapitalismus und Gleichberechtigung den Alltag
bestimmen.
Workshops, Kunst und antikapitalistische politische Ideen sollen auf dem
Tübinger Festplatz florieren.
Redet man mit den Organisatoren des so genannten Welt2raum- Camps
auf dem Festplatz, fallen immer wieder Worte wie "Struktur" und
"Workshop". Es geht also beim Camp darum, das Grundsätzliche mit dem
Konkreten zusammen zu bringen, will heißen, einen Gegenentwurf zur
kapitalistischen Welt wenigstens auf Zeit umzusetzen, so lange das Camp
dauert nämlich, vom 2. bis zum 9. August. Auch auf Hierarchie soll
verzichtet werden, indem basisdemokratisch entschieden wird, was in
dieser Zeit passiert.
Überhaupt ist die Konstruktion eine recht offene: "Es ist so gedacht, dass
Leute auch einfach vorbeikommen können und am Programm teilnehmen.
Man muss nicht mitcampen", sagt Florian Quellmalz. Wie die meisten
Organisatoren ist er Mitte zwanzig und aus Tübingen. Severin Halder fügt
hinzu, dass der Schwerpunkt des Camps nicht darauf liege, nachts zu
feiern: "Es ist schon das Ziel, anders zusammenzuleben", erklärt er. "Essen
wird hier nur auf Spendenbasis verkauft, von daher ist das
antikapitalistisch." Beim Bier, das am Dienstag Mittag noch ungekühlt im
Bier-Zelt steht, gibt es allerdings feste Preise. Für das Essen klappern
Teilnehmer des Camps die Tübinger Geschäfte ab und fragen nach
Lebensmitteln, die sonst in den Müll wandern. Wie zum Beweis dafür
kommt ein Auto, beladen mit einer Kiste braun-gelb-gefleckter Bananen, in
die lose gestreute Zeltansammlung: "Leute, esst Bananen!", ruft der Junge,
der aussteigt. "Na ja, wenn wir sie geschenkt bekommen, essen wir auch
Bananen von Dole", kommentiert Florian den Aufkleber der globalen
Früchtefirma.
Es geht um Spaß, aber auch um Politik. Allerdings nicht um Parteipolitik,
sondern eher um Politik im Sinne einer Gestaltung des allgemeinen
Zusammenlebens. Die Organisatoren des Camps sind aber als freier
Zusammenschluss zusammengekommen und an keine Institution
angeschlossen, selbst wenn viele Teilnehmer des Camps in Organisationen
aktiv sind. Sie kennen sich zum großen Teil vom Studium oder eben von
politischen Aktionen.
Timo Bartholl, der die Idee zu Welt2raum hatte, ist nur Teilzeit- Camp-
Bewohner, weil er trotz Semesterferien noch viel für sein
Geographiestudium tun muss. Auf einer Studienreise lernte er in Brasilien
vergangenes Jahr das Camp des Social Forum kennen, das ein Vorbild
zum Tübinger Zeltdorf ist. Florian, der kein Student ist, ist froh darüber,
dass so viele Studenten beim Camp mitmachen: "Wir kommen aus vielen
verschiedenen Städten. Wir haben es den Leuten in unseren
Heimatstädten gesagt und hoffen, dass möglichst viele kommen." Wie viele
letztlich ihr Zelt auf dem Festplatz aufschlagen werden und in Workshops
jonglieren oder Kurzgeschichten schreiben werden, Theater spielen oder
auch die Möglichkeiten für politische Aktionen in Tübingen ausloten
werden, wie viele Menschen am Ende alternativ zusammenleben wollen,
das weiß niemand so genau. "Hundert Leute werden auf jeden Fall dabei
sein", sagt Severin. 50 Leute seien allein in die Organisation involviert.
Florian kann sich aber auch vorstellen, dass bis zu 300 Leute am
Wochenende auf den Festplatz kommen. Freitag und Samstag legen dann
auch DJs auf und spielen Bands.
Wichtig ist den Organisatoren, dass die Teilnehmer sich nicht nur als Teil-
Nehmer, sondern auch als Teil-Geber sehen. Wer eine Idee für einen
Workshop hat oder sich sonst einbringen möchte, sei hoch willkommen.
"Wir haben allerdings schon relativ viele Workshops", sagt Florian. Morgens
kann man sich beispielsweise im Tai-Chi üben, für Kinder werden gleich
mehrere Sachen angeboten. Und ein Radio-Workshop bringt den Festplatz
sogar auf den Äther, auf der Frequenz der Wüsten Welle. Schon seit
Monaten wurde das Camp in abendlichen Treffen vorbereitet. Die
endgültige Genehmigung von der Tübinger Stadtverwaltung habe man erst
relativ spät bekommen. Doch die Organisatoren sind mit der
Zusammenarbeit sehr zufrieden. Über die persönliche Unterstützung von
Bürgermeister Gerd Weimer freuten sich die Organisatoren. "Es herrscht
ein sehr freundliche Umgang", sagt Axel Hodapp. "Denen ist es relativ egal,
was wir machen. Hauptsache, es ist nicht laut. Und wir haben einen
Klowagen." Die Anforderungen sind also erfüllt. Das Programm soll um 22
Uhr enden, und die Sanitäranlagen sind bereits installiert. Ärger hatten die
Organisatoren dennoch schon, weil die Musik abends zu laut war. Sie kam
aber aus dem "Nachbardorf". Neben einer Gruppe von Sinti und Roma
haben gerade auch einige Iren ihr Domizil auf dem Festplatz
aufgeschlagen. Einer von ihnen hörte nachts laut Musik in seinem Auto -
bei offener Tür.
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