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Weltsozialforum, Intercontinental Youth Camp und das Netzwerk RRG (Text hier als pdf)

Das "Acampamento Intercontinental da Juventude" (AIJ) im Kontext des Weltsozialforums


Im Jahre 2001 kamen erstmals zivilgesellschaftliche Organisationen, Bewegungen und Gruppierungen aus dem sogenannten globalisierungskritischen Spektrum zum Weltsozialforum in Porto Alegre zusammen. Ziel war es, dem jährlichen Weltwirtschaftsgipfel in Davos eine zeitgleiche Veranstaltung entgegenzusetzen, bei der es auch und gerade um soziale und ökologische Aspekte gehen sollte - entgegen dem vorwiegend ökonomischen Fokus des Gipfels in Davos. "Eine andere Welt ist möglich", mit diesem Slogan machte sich das Weltsozialforum einen Namen und aus den ca. 25.000 Teilnehmer/innen des ersten Jahres wurden über 100.000 beim bereits vierten Forum im Januar 2004 in Mumbai, Indien. Nach drei aufeinander folgenden Foren in Porto Alegre, jeweils im Januar der Jahre 2001, 2002, 2003 war vom Internationalen Komitee (IC) beschlossen worden, den Ort zu verlagern um dem globalen Anspruch des Prozesses näher zu kommen. Da sich in Porto Alegre aus der Mischung starker sozialer Basisbewegungen, einer kooperativen Regierung und allgemein großer Resonanz jedoch gute Bedingungen bieten, welche überhaupt das Aufkommen und den raschen Zuwachs dieses Prozesses bedingten, soll das fünfte Weltsozialforum wiederum in Porto Alegre stattfinden.

Die Grundideen des Forums wurden nach den Erfahrungen der ersten Veranstaltung in der Charta von Porto Alegre zusammengefasst. Konzeptionell wird die Idee der Schaffung eines offenen Raumes verfolgt, in welchem Horizontalität innerhalb einer Vielfalt von Teilnehmer/innen, Auffassungen und Ideologien herrschen soll um somit den Austausch, gegenseitiges Kennen lernen und Kooperationen verschiedenster Gruppen zu ermöglichen. Statt eine Veranstaltungsreihe zum Ziel zu haben, geht es vielmehr darum einen permanenten Prozess globalen Ausmaßes in Gang zu bringen, der die Suche nach einer gerechteren Welt nähren und beschleunigen soll. Somit sind seit Aufkommen der Idee vielerorts verwandte Prozesse ins Leben gerufen worden: Von der globalen über die kontinentale bis hin zur lokalen Ebene wird unter Berufung auf die Charta von Porto Alegre mit der Sozialforenidee experimentiert, finden sich Vertreter/innen sozialer Bewegungen, von Nicht-Regierungs-Organisationen und anderen Gruppierungen sowie Einzelpersonen der Zivilgesellschaft zusammen, um jenseits partei- und realpolitischer Sachzwänge zu interagieren. Neben inhaltlichem Austausch, neben Diskussion und Debatte, werden im Rahmen der Foren auch Agenden beschlossen und Aktionen geplant, so können die weltweiten Friedensdemonstrationen am 15. Februar 2002 als Antwort auf den militärischen Eingriff der USA im Irak als ein Ergebnis von Vernetzungs- und Koordinationsarbeit im Rahmen von am Forenprozess beteiligten Organisationen und Gruppen gesehen werden.

Zur Idee des "Acampamento Intercontinental da Juventude" und der bisherigen Entwicklung des Prozesses

Im ersten Jahr des Sozialforums kam bereits die Idee des "Acampamento Intercontinental da Juventude" (AIJ) auf. Der Name spiegelt wieder, dass es sich dabei um junge Akteure (etwa zwischen 18 und 30 Jahren) handelte, die den Camp-Prozess anstießen, wenngleich der Name "Juventude" der Breite der Teilnehmer- bzw. Bewohner/innen des Camps inzwischen nicht mehr gerecht wird, da auch viele Ältere und keineswegs nur "die Jugend" als Aktive zu finden sind. Anlass war, dass schon in den Vorbereitungen für das erste WSF die Organisator/innen dem Selbstanspruch der Offenheit gegenüber aller nicht gerecht werden konnten, da nicht alle Teilnahmebarrieren beseitig wurden. So war die Teilnahme weitgehend auf Vertreter/innen von Organisationen und Bewegungen beschränkt und auch die Unterbringungskosten wären für viele der jüngeren und ärmeren Bevölkerungsschichten nicht zu tragen gewesen, so dass die Camp-Idee entwickelt wurde. Im Stadtpark "Parque Harmonia" in Porto Alegre fanden sich schließlich 2500 Menschen zusammen, um während der Dauer des Forums zusammen in einer "Zeltstadt" zu wohnen.

Das Konzept ging dabei von Beginn an weit über den Anspruch hinaus, günstige Unterbringung zu gewährleisten, vielmehr sollte den theoretisch gehaltenen Inhalten der Plena, Seminare und Workshops ein praktisches Element gegenüber bzw. beiseite gestellt werden: Temporäres Zusammenleben auf den Grundsätzen von Horizontalität, Vielfalt, Toleranz und Selbstverwaltung. Seither wurde die Camp-Idee rasch weiter entwickelt und politisch als auch in Zahlen gewann das AIJ schnell an Bedeutung. So waren beim dritten AIJ bereits über 20.000 Menschen aus vielen verschiedenen Ländern und aus unterschiedlichsten mehr oder weniger politischen Zusammenhängen zusammen gekommen um eine Zeit lang gemeinsam in der Zeltstadt zu leben und sich auszutauschen. War das AIJ zu Beginn noch außerhalb der organisatorischen Strukturen des WSF angesiedelt, so wurde das Organisationskomitee des AIJ mittlerweile in die Strukturen des WSF formal integriert, ohne dabei jedoch zu sehr an gestalterischer, inhaltlicher und politischer Eigenständigkeit verloren zu haben.

Selbstanspruch und Ziele des AIJ sind hoch, welches sich auch in dem verwendeten Namen "Cidade das Cidades" ("Stadt der Städte") wiederspiegelt, welcher seit 2003 verwendet wird. Eine Experimentstadt soll das Camp darstellen, von Jahr zu Jahr weiter entwickelt auf der Suche nach neuen Wegen gesellschaftlicher, räumlicher und auch Mensch-Umwelt bezogener Interaktion. "Eine andere Welt ist möglich" nicht nur zu propagieren sondern auch zu erproben und zu erfahren - so lässt sich der Ansatz der Camp-Idee, welche ein junges und neues Element innerhalb der weltweiten sozialen und so genannten globalisierungskritischen Bewegungen darstellt, zusammenfassen.

Bei der Schaffung und Ausgestaltung des Raumes, namentlich des Parque Harmonia, eines Stadtparks am Ufer des Lago Guaíba in Porto Alegre, muss die Infrastruktur eigenständig für den Zeitraum des Camps geschaffen werden. Dem Konzept der Selbstorganisation folgend, wird dabei versucht, besonders auf ökologische Nachhaltigkeit und Verträglichkeit zu achten und Aspekte wie Biokonstruktion, organische Toiletten, Müllvermeidung und -trennung spielen eine Rolle. Dies ist gerade im Hinblick auf die diesbezüglichen gegenwärtigen alltäglichen Umstände und Praktiken in Lateinamerika und auch anderswo besonders bemerkenswert.

In Anbetracht der ehrgeizigen Ziele und des hohen Selbstanspruchs gibt es natürlich zahlreiche Defizite. Interkontinental ist diese in Brasilien geborene Idee sicher nur in Ansätzen, der Schwerpunkt der Teilnehmer/innen liegt deutlich in der westlichen Welt - Lateinamerikaner/innen, die es nicht weit haben nach Porto Alegre mischen sich mit Europäer/innen und Nordamerikaner/innen, die es sich leisten können, auch eine weite Anreise zu finanzieren oder die ohnehin gerade auf Reisen in Südamerika sind. In dieser Hinsicht war die Verlegung des Forums nach Indien im Januar 2004 natürlich ein wichtiger Schritt, der eine komplett neue Dimension eröffnete, aber auch neue Probleme aufwarf. Gerade beim Camp, welches auch in Indien in einer kleineren Variante (3000 Teilnehmer/innen) stattfand, zeigten sich große kulturell und sozialgeschichtlich bedingte Unterschiede und Erwartungshaltungen, wobei erschwerend hinzu kam, dass aufgrund der Erstmaligkeit und vorläufigen Einmaligkeit der Veranstaltung in Indien ein organisches Wachsen des Camp-Prozesses gar nicht möglich war. Weiteres Defizit ist natürlich, dass zwischen den visionären Ideen der Aktiven des Prozesses und ihrer Umsetzung eine beträchtliche Lücke klafft. Inwieweit diese sich schließen lässt bei der fünften Auflage der Veranstaltung im Januar 2005 soll Teil dieser Diplomarbeit sein. Dabei ist auch die Frage interessant, inwieweit wirklich ein Prozess angeregt wurde, der nicht nur auf die Tage der Veranstaltung begrenzt bleibt.
Eine ausführlichere Version zur Entwicklung der Camps gibt es hier als pdf.
Wird im Camp größtmögliche Offenheit gegenüber verschiedenen Weltanschauungen und Ideologien angestrebt, so ist diese so entstehende Vielfalt offensichtlich auch unter den Aktiven im Organisationsprozess zu finden.

Das Netzwerk RRG (Rede de Resistencia Global)

Viele dieser Aktiven gründeten im Januar 2003 im dritten AIJ das Netzwerk RRG durch Einrichtung einer Mailingliste. Über diese Mailingliste hinaus tritt "RRG" mittlerweile bei den Camps und Foren auch namentlich auf, weniger als Organisation, vielmehr einfach als Überbegriff, wenn es Veranstaltungen und Treffen der "Camp-Aktivist/innen gibt". Ein ursprüngliches Ziel des Netzwerks, die Erfahrungen der drei Camps den Organisator/innen des vierten Camps in Indien zu vermitteln und bei der Organisation zu kooperieren muss weitestgehend als gescheitert angesehen werden. Vor allem auf Kommunikationsdefizit ist zurück zu führen, dass die Organisator/innen in Indien weitestgehend auf sich allein gestellt blieben, was zu einigen Problemen und Enttäuschungen führte. Nichtsdestotrotz war Indien 2004 auch für RRG ein wichtiger Schritt nach vorne. Viele neue Kontakte entstanden und den wenigen Aktiven aus der westlichen Welt, die beim Camp mitmachten und vor Ort waren, wurde klar, dass die Bedingungen, Ideen, Organisationsformen, und vor allem auch die Probleme und Herausforderungen usw. in Europa und Lateinamerika sich doch deutlich von denen des asiatischen Subkontinents unterscheiden. dennoch gibt es auf jeden Fall einen gemeinsamen Nenner und wenn das Netzwerk auch sehr lose und die Liste zum Teil etwas inaktiv ist, so sind doch Viele durch sie verbunden und ein Austausch ist möglich.

Im Hinblick auf das fünfte WSF und AIJ wird die Liste wieder an Bedeutung gewinnen. Sie wird es ermöglichen, den Leuten, die nicht vor Ort sein werden, ihre Ideen mitzuteilen und Kontakt aufzunehmen ebenso wie über die Listen Infos aus Porto Alegre um die Welt gehen können, diskutiert, debattiert und sich ausgetauscht werden kann. Das Ziel, den Organisationsprozess internationaler zu gestalten, stellt sich insgesamt als schwierig heraus, wenn jedoch, dann sicher über und durch das RRG-Netzwerk und wichtige Aufrufe, einige Inter-Chat-Konferenzen konnten dadurch schon stattfinden.

Ein Ziel, dass Teilnehmer/innen des Netzwerks teilen, ist, den Prozess intensiver dezentral, also lokal, regional, etc, zu gestalten. Viele der Aktiven sind ohnehin in anderen Netzwerken, Bewegungen, etc. aktiv. Darüber hinaus wäre ein wünschenswertes Ziel jedoch, dass es immer mehr lokale, regionale Prozesse usw. gibt, die sich den Ideen des offenen Raumes und der Horizontalität verbunden fühlen und Leute vereinen, die auf jeden Fall etwas ändern wollen in der Welt, ohne zu behaupten, sie selber hätten die komplette Lösung parat. Konkret kann man das "Campement Quebecois de la Jeunesse" (http://www.quebec.reseauresistanceglobale.org), welches schon zwei Mal (2003, 2004) stattfand, das Welt²raum-Camp in Tübingen, welches 2004 das erste Mal stattfand, ein Camp während des Simbabwe Social Forums 2003, Camps während des Foro Social Americas 2004 (http://www.forosocialamericas.org/), so wie zahlreiche Camps in verschiedenen Ländern Lateinamerikas (während des Forum Nacional do Brasil, Forum Carioca in Rio 2004) dazu zählen. Akteure und Teilnehmer/innen anderer großer Camps, wie Evian 2003 (Intergalactic Village), sind ebenfalls beim RRG-Netzwerk dabei.

Durch vermehrte dezentrale Aktivität in Bezug zur Camp-Idee könnte sich der Austausch über das RRG-Netzwerk noch mehr intensivieren und auch ins Detail gehen. Fragen nach Organisationsmöglichkeiten, Strukturen, Infrastruktur, etc. könnten dann international ausgetauscht und diskutiert werden. Das Ganze ist dabei keineswegs zu erzwingen und sollte auch nicht zum Selbstzweck stattfinden. In erster Linie ist wichtig, dass jeder Prozess für sich steht und über RRG eine Vernetzung stattfinden kann. RRG als eine Organisation zu verstehen, die dann an verschiedenen Orten aktiv wird, wäre völlig falsch. Es ist einfach ein Netzwerk eigenständiger Akteure, in dem es keine Hierarchien gibt. Nicht mehr und nicht weniger.

Wer Interesse hat, an dieser Liste teilzunehmen, kann sich unter dieser Adresse eintragen (oben rechts auf der Seite kann von Portugiesisch auf Englisch umgestellt werden):

http://listas.softwarelivre.org/cgi-bin/mailman/listinfo/rrg

Emails an die Liste dann an folgende Adresse: rrg@listas.softwarelivre.org

RRG hat auch eine Website, die allerdings noch nicht wirklich mit Inhalten gefüllt ist: www.reseauresistanceglobale.org

Kurzinfo in vier Sprachen zu RRG gibt es hier.
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